LIwJ-Newsletter, Juni 2019 (Positionspapier)

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LIwJ-Newsletter vom Juni 2019  

 

"Positionspapier zur Genderfrage"
 


Die LIwJ ist eine deutschschweizerische Arbeitsgruppe der Leitungen von Institutionen für weibliche Jugendliche.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website
www.liwj.ch

   


 

Liebe Leserin, lieber Leser

Nachfolgend legt die LIwJ in einem Positionspapier ihren Standpunkt zur Genderfrage dar.

Das Positionspapier kann auf der LIwJ-Webseite oder mit nachfolgendem Link als pdf-Datei geöffnet werden 
-- LIwJ-Positionspapier --




Positionspapier für die sozialpädagogische Arbeit mit weiblichen Jugendlichen: Haltung, Ziele und Qualitätsstandards

 

Den Auftrag, unsere sozialpädagogischen Angebote für weibliche Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen anzupassen, um dadurch ihre Chancen auf gleichberechtigte Teilhabe zu stärken, leiten wir aus dem Gleichstellungsgesetz ab.
Viele weibliche Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen haben aus unterschiedlichen Gründen Abwertung, Vernachlässigung und/oder Gewalt erlebt.
Die Praxis zeigt, dass genderspezifische Gruppen Schutzräume darstellen, in denen ohne Beeinflussung durch das andere Geschlecht die Wirksamkeit von sozialpädagogischen und oder therapeutischen Massnahmen erhöht ist.
Um unseren Auftrag umzusetzen, benötigen wir die gesellschaftliche Anerkennung unserer mädchenspezifischen sozialpädagogischen Arbeit wie auch die notwendigen finanziellen Mittel. Ausserdem braucht es eine entsprechende Haltung und geeignete Qualitätsstandards, welche von den Fachpersonen umgesetzt werden.
Im Folgenden erläutern wir unsere professionelle Haltung, unsere Ziele und unsere Qualitätsstandards für die sozialpädagogische Arbeit mit weiblichen Jugendlichen entlang von drei zentralen Wirkungsfeldern unserer Arbeit.

 

1. Selbstbestimmtes Leben
Die traditionellen Rollenbilder für Mädchen und Knaben sind nicht gleichwertig und führen vor allem bei weiblichen Jugendlichen mit Bindungs- und Beziehungsstörungen zu einer starken Selbstwertstörung, in deren Folge sich unter anderem Aggressionen entwickeln können, welche sie gegen sich selbst oder andere richten.
Immer wieder stellen wir fest, dass sich diese weiblichen Jugendlichen in grosse Abhängigkeitsverhältnisse manövrieren, von denen sie sich oft lange oder gar nicht lösen können.
Die mädchenspezifische sozialpädagogische Arbeit hat zum Ziel, sie zu befähigen, ihre Verhaltensmuster zu hinterfragen und neue Lösungswege zu entwickeln, welche ihnen als Erwachsene ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
Im Hinblick auf dieses Ziel bieten wir den weiblichen Jugendlichen den notwendigen geschützten Raum. Wir unterstützen sie darin, mit unterschiedlichen Verhaltensstrategien zu experimentieren und ihre Abhängigkeit von anderen Menschen zu reflektieren, um Selbstbewusstsein zu entwickeln und den eigenen Weg zu finden.
 
2. Persönliche Integrität

Die persönliche Integrität von Mädchen und Frauen ist nach wie vor nicht gewährleistet. Das Risiko, im häuslichen oder öffentlichen Raum Opfer von psychischer, körperlicher und / oder sexueller Gewalt zu werden, ist für Mädchen hoch. Weibliche Jugendliche, welche massive Grenzverletzungen erlebt haben, zeigen häufig Probleme in der Nähe-Distanz-Regulierung und haben ein belastetes Verhältnis zum eigenen Körper.
Die mädchenspezifische sozialpädagogische Arbeit hat zum Ziel, diese weiblichen Jugendlichen vor weiteren Grenzverletzungen zu schützen. Sie brauchen diesen Schutz, um sich zu selbstbewussten Frauen zu entwickeln, welche ihre eigenen Bedürfnisse kennen, sich selbstwirksam erleben und sich selbst akzeptieren.
Wir bieten deshalb einen geschützten Raum und setzen geeignete Fachkonzepte sowie Strukturen um, welche das Recht auf Unversehrtheit gewährleisten. Die weiblichen Jugendlichen werden ermutigt, ihre Beziehungsmuster zu reflektieren, ihre Rollenerwartungen zu klären und an ihrem Verhältnis zum eigenen Körper zu arbeiten. So kann es ihnen gelingen, neue Rollenbilder zu erproben und eigene Rollenvorstellungen zu entwickeln.
 
3. Berufsfindung, Lernen
Traditionelle Rollenbilder und die ungleichen Berufschancen können in Kombination mit einer Selbstwertstörung dazu führen, dass diese weiblichen Jugendlichen der Berufsfindung und Berufsausbildung wenig Beachtung schenken. In der Folge laufen sie Gefahr, einen Berufsabschluss zu verpassen und in finanzielle Abhängigkeit zu geraten.
Die mädchenspezifische sozialpädagogische Arbeit hat zum Ziel, diese weiblichen Jugendlichen in ihrer Berufsfindung und im Lernen so zu unterstützen, dass sie als Erwachsene einen befriedigenden Beruf ausüben können und zu wirtschaftlicher Selbständigkeit fähig sind.
Wir gestalten in unseren Institutionen deshalb die Lernangebote angepasst an die Bedürfnisse und Interessen der weiblichen Jugendlichen. Sie werden von uns gezielt unterstützt, sich nicht nur auf die traditionellen ‚Frauenberufe‘ zu fokussieren, sondern ihre vielfältigen beruflichen Möglichkeiten auszuloten und eine realistische berufliche Perspektive zu entwickeln.
 
 

Beste Grüsse

Arbeitsgruppe LIwJ
 
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